Meine Geschichte
Wir machen keine neuen Erfahrungen.
Aber es sind immer neue Menschen,
die alte Erfahrungen machen.
Rahel Antonie Friederike Varnhagen von Ense, (1771 - 1833)
Das Thema Hochbegabung zieht sich durch mein ganzes Leben hindurch, auch wenn ich sie bewusst erst Sommer 2008 entdeckt habe.
Daher habe ich weiter unten einen kleinen persönlichen Text aus meinem Tagebuch eingefügt, der sehr schön zeigt, wie das Thema „plötzlich“ in meinem Leben aufgetaucht ist, was es bei mir bewirkt hat und wie ich damit (am Anfang) umgegangen bin.
Seitdem ich mich nun bewusst mit meiner Hochbegabung auseinandersetze, vor allem auch seit dem Punkt, an dem ich es geschafft habe, die Hochbegabung nicht mehr nach außen, aber vor allem auch vor mir selbst, zu verleugnen, seitdem nun erscheint mir nach und nach vieles in meinem Leben, sowohl in meiner Kindheit als auch in meiner Jugend und dem Erwachsenenalter, in einem anderen Licht. Neue Perspektiven tun sich auf und Motivationen für diese und jene Handlungsweisen werden deutlich. Erklärungsmodelle, die ich mir – wie das jeder Mensch vor allem für schwierige Erlebnisse und Erfahrungen tut – über die Jahre hinweg aufgebaut habe, vereinfachen sich drastisch. Trotzdem ist es nicht immer einfach, alte, gewohnte, ja vielleicht sogar bequeme Denkmuster nun in Frage zu stellen und neu zu bewerten.
Eine große Hilfe sind mir die in meiner zweijährigen Psychoanalyse (2006-2008) erworbenen Kenntnisse und Werkzeuge zur Bewältigung dieser Um- und Neustrukturierung. Vielleicht hatte ich auch erst durch diese Therapie – durch das Kennenlernen meiner eigenen Denk- und Lebensmuster und dem Erlernen entsprechender Strategien, um in einer positiven, konstruktiven Weise damit umzugehen – den Mut und die Fähigkeit mich auf das Thema einzulassen.
Ich denke nicht, dass eine solche Therapie, wie ich sie gemacht habe, für jeden Hochbegabten notwendig oder förderlich ist, in jedem Fall ist es jedoch leichter sich mit einer Begleitperson an das Thema anzunähern, insbesondere, wenn eine Verunsicherung durch die Thematik vorhanden ist. Daher rührt mein Wunsch, andere Menschen dabei zu unterstützen, das für sie Beste aus ihrer Begabung zu machen und sie bei diesem Veränderungsprozess zu begleiten.
In dem folgenden Auszug aus meinem persönlichen Tagebuch 2008 wird deutlich, wie groß die Verunsicherung meinerseits damals war, als ich mit diesem Thema konfrontiert wurde. Doch es wird auch deutlich, welche Chancen darin stecken und sei es „nur“ die Chance endlich einige Dinge des eigenen Lebens (noch) besser zu verstehen.
Sommer 2008
Plötzlich hochbegabt
Wie ich von einem Tag auf den anderen kein anderer Mensch wurde.Mein Umfeld versteht mich nicht – ist ja klar - ich bin halt anders. Hab mich schon immer anders gefühlt. Bisher konnte ich es allerdings nicht erklären.
Warum bin ich anders? Könnte ich nicht einfach ganz normal sein? Bin ich vielleicht sogar komisch? Unnormal? Was ist eigentlich normal?
Fragen über Fragen – mein Leben lang. Und doch, eine Frage steht allem voran:
„Bin ich intelligent oder bin ich zu dumm, um zu merken, dass ich gar nicht intelligent bin?“
Oder anders formuliert:
„Bin ich intelligent oder bin ich dumm genug, um mich für intelligent zu halten?“
Bin ich eine von denen, die sich für superschlau halten, während die Umwelt hinter vorgehaltener Hand flüstert: „Is die dämlich!“ Woher soll ich wissen, was wahr ist? Wer ist ehrlich zu mir? Wer kann objektiv sein? Es gibt Menschen, die mich lieb haben. Würden die mir sagen, wenn ich dumm wäre? Sage ich den Menschen die dumm sind ins Gesicht, dass sie dumm sind?
Und doch ist da immer so ein Gefühl, ein vages Gefühl, das mir sagt: Du bist etwas Besonderes! Bääh, ganz schnell wieder weg mit diesem Gedanken – wie eitel und hochtrabend. Doch das Gefühl bohrt weiter, fast so hartnäckig wie all die anderen Fragen. Das Gefühl setzt mir immer wieder so Flausen in den Kopf wie: „Du checkst das schneller als andere“ oder „Warum können die Menschen das nicht begreifen, wenn ich es so einfach erfassen kann?“. Doch schon ist der große Kritiker wieder da und sagt: „Bild Dir nix ein – wir sind normale Menschen. Warum solltest du schlauer sein als andere? Und wenn Du es wärst, warum hast Du dann noch kein abgeschlossenes Studium? Einen Doktortitel? Einen hochbezahlten Job? Eine Erfindung gemacht? Sag, warum nicht – wenn Du doch so schlau bist?“
Dann bin ich still. Innerlich. Und ich fühle mich selbst nicht mehr richtig. Und ich denke: was, wenn das stimmt? Der Gedanke macht mich traurig. Und trotzig. Und dann – eines Tages, fällt ein Buch in meine Hände. Ein Buch über Lebensgeschichten hochbegabter Erwachsener.
Kennen Sie dieses Gefühl, wenn Sie sich plötzlich verstanden fühlen? So sehr, dass es schmerzt? Wenn plötzlich das Gefühl auftaucht, als habe da jemand ihre Geschichte – genau ihre – erzählt. „Genau so geht es mir auch!“ ruft, nein schreit mich eine Stimme in meinem Inneren an. Sie schreit so voller Verzweiflung, dass ich sie nicht überhören kann und ich weine. Sieben Geschichten. Sieben mal weinen. Sieben mal Hoffnung.
Das erzähle ich niemandem, hüte es wie einen Schatz. Sogar mein innerer Kritiker ist still gelegt. Er meldet sich nochmal kurz, als ich überlege, einen Test zu machen. „Was - Du, einen Intelligenztest? Und was wenn Du „durchfällst“ – sowie damals, als Du die 9. Klasse nicht geschafft hast. Du musstest eine Klasse wiederholen und willst jetzt einen Hochbegabtentest schaffen?“ Doch diesmal hat der Kritiker keine Chance. Ich muss es jetzt wissen.
Mir ist bewusst, dass diese Tests umstritten sind. Dass sie die Intelligenz eines Menschen nur innerhalb eines bestimmten Bereiches messen können. Doch ich halte mich an der Hoffnung fest: wenn es etwas gibt, das mir eine einigermaßen, annähernd objektive Antwort geben kann, dann so ein allgemein anerkannter, standardisierter IQ-Test. Und ich melde mich an. Und ich gehe hin.
Wir sind, wenn ich mich richtig erinnere, sieben Teilnehmer gewesen. Rein statistisch dürfte nur maximal einer von uns über der „magischen“ Grenze von 130 liegen, mit der die Hochbegabung offiziell beginnt. 2% der deutschen Bevölkerung. 2% von sieben Teilnehmern sind 0,14. Das ist nicht viel. Wenn in jedem Test sieben Leute sitzen, dürfte wiederum nur ca. in jedem siebten Test eine Person dabei sein, die hochbegabt laut Definition ist. Andererseits, zu so einem Test gehen wohl tendenziell mehr die Leute, die aufgrund anderer Indizien eine Hochbegabung bereits bei sich vermuten. Also werden vielleicht tatsächlich auch mehr dabei sein, die über 130 Punkte erreichen.
Wie auch immer – ich kann mir nicht vorstellen genauso schlau zu sein, wie die sechs Menschen, die da um mich herum sitzen. Und ob die über mich das gleiche denken? Mit meinem eher angeknacksten Selbstbewusstsein denke ich jedoch eher in die andere Richtung: wahrscheinlich denken die anderen über mich: „Was macht die denn hier?“
Ja – egal, jetzt bin ich nun mal hier. Ich gebe mein Bestes. Ich habe bei manchen Teilen das Gefühl, dass der Test sehr leicht ist, bei anderen tue ich mich schwerer. Rechnen, kein Problem und noch sicherer bin ich bei den Testfragen, bei denen es um die Zusammensetzung und logische Verkettung von Wörtern und Sätzen geht. Dann der Teil mit den Würfeln – räumliches Denken – naja ok, einige Würfel drehen sich von selbst in meinem Kopf, andere wollen einfach nicht. Und am schwersten fiel mir der Teil, bei dem man sich Details und Zusammenhänge merken und einige Minuten später genau wiedergeben musste. War ja klar. Ich konnte mir noch nie gut was auswendig merken.
Ein paar Wochen dauert die Auswertung, dann habe ich Gewissheit. 131 – hochbegabt. Zuerst freue ich mich über das Ergebnis, aber bald kommt der Gedanke: Naja, war aber knapp. Gerade noch so dabei. Ist das jetzt wie eine Eins im Vergleich mit den Normalbegabten oder wie eine Vier im Vergleich mit den Hochbegabten? Gerade noch bestanden? Eine Eins wäre toll, eine Vier verschweigt man dann doch eher.
Wie die Menschen, die eine Vier in einer Abschlussprüfung haben: Sie erwähnen später nicht mehr ihre Note, sonder nur noch, dass sie es „geschafft“ haben. Weil sie genau wissen, dass sie gerade noch so dabei sind und ihre Leistung eigentlich schon fast „mangelhaft“ war.
Bin ich nun eine „fast mangelhafte“ Hochbegabte?
Kann so ein Test überhaupt etwas taugen? Wie genau kann so ein Ergebnis sein? Bekanntermaßen ist das Ergebnis sehr von der Tagesform abhängig, in der sich der Getestete befindet. Vielleicht hatte ich ja einfach einen „sauguten“ Tag? (Ich komme natürlich nicht auf die Idee, dass ich vielleicht einen „sauschlechten“ Tag gehabt haben könnte und mein Wert eigentlich höher liegen könnte.)
Ich merke irgendwann, dass ich so nicht weiterkomme. Ich beschließe für mich ganz allein: Selbst wenn der Test 10% daneben gelegen hätte… mit 141 wäre ich der Überflieger, mit 121% wäre ich immer noch überdurchschnittlich begabt. Also egal, WIE begabt ich bin, eines steht für mich fest:
Ich bin nicht dumm!
Diese Erkenntnis trifft mich fast wie ein Schlag. Und tut mir einfach nur gut. Wieder Tränen – doch diesmal Tränen der Erleichterung. Ich bin erleichtert, denn ein kleines Stück Gewissheit schleicht sich in mein Leben. Ein kleines Stück nur– aber das tut so gut.
Es dauert schon einige Tage, aber ich merke, wie das ganze in mir arbeitet. Zusammenhänge, Erklärungen für ein Leben, in dem mir bisher nur immer eine Ahnung den Weg gewiesen hat. Plötzlich fügen sich so viele Dinge spielend leicht zusammen.
· - Warum ich immer so anders war oder mich zumindest so gefühlt habe.
· - Warum ich mich oft unverstanden gefühlt habe.
· - Warum ich schon so früh lesen und schreiben konnte und so bald ich konnte Bücher ohne Ende verschlungen habe.
· - Warum ich in der Grundschule so spielend leicht hervorragende Leistungen gebracht habe.
· - Warum sich meine Lehrerin so vehement für meine Versetzung ans Gymnasium eingesetzt hat.
· - Warum ich dann ab der 7. Klasse kontinuierlich abgesackt bin. (Ein typisches Phänomen für Hochbegabte ist die Unterforderungen in den ersten Grundschuljahren, die dazu führt, dass die Kinder nicht lernen zu lernen, weil sie nicht lernen müssen. Diese mangelnde Lernstrategie und Lerndisziplin wird ihnen dann später, wenn z.B. Vokabeln zu lernen sind zum Verhängnis.)
· - Warum ich so viele verschiedene Interessen habe und es mir immer so schwer fiel, mich festzulegen.
· - Warum ich diese ständige Rastlosigkeit in mir fühle und eine Stimme in mir immer und immer wieder sagt: „Da muss es doch noch mehr geben!“
· - Warum, warum, warum….
Die Liste setzt sich immer weiter fort und irgendwann kann ich die Schlussfolgerung nicht mehr ablehnen, da sie logisch ist: ich bin hochbegabt. Mist.
Dann hab ich ja jetzt nur noch 2 Wahlmöglichkeiten:
Entweder ich verstecke mich weiterhin damit (hier sei erwähnt, dass diese ganze Aktion niemand gewusst hat, außer mein Freund, dem ich glücklicherweise alles anvertrauen kann, weil er mich nie für übergeschnappt hält) oder, die 2. Möglichkeit: ich oute mich.
Das klingt drastisch – ist es auch.
Das bedeutet, sich als Minderheit einer Mehrheit stellen, die mit Vorurteilen nur so beladen ist. Auch wenn allerorts heutzutage Toleranz und Offenheit gepriesen wird… hinter vorgehaltener Hand und in den Köpfen der Menschen ist es damit, aus meiner Erfahrung, noch nicht so weit her.
Aber mich weiterhin zu verstecken und so zu tun, als ob nichts wäre, das geht auch nicht. Nein, ich merke, das geht einfach nicht mehr. (Egleder, 2008)
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